Ein Besuch in der Kunsthalle Hamburg

Veröffentlicht am: 8 September 2018

Ein Beitrag von Runa Claußnitzer

mit Fotos von Elisabeth Edert

Am 20. März 2018 haben wir, das Semester 1.1, mit unserer Dozentin Juliane Plöger im Fach Farbe & Form eine Exkursion in die Hamburger Kunsthalle unternommen. Bei der Führung mit Lina Scheewe durch die Galerie der Gegenwart erwartete uns eine Ausstellung mit dem mysteriösen Namen „Honey, I rearranged the collection  #3. Bouncing in the Corner. Die Vermessung des Raums“.  Unser Guide Lina stieß uns gleich zu Anfang der Führung durch ein praktisches Experiment auf die unglaubliche Vielfalt an Interpretation, die der Begriff „Raum“ öffnet. Allein dadurch, dass wir einen Raum auf verschiedene Arten umschreiten sollten, stellten wir fest, dass wir „Räume“ sehr unterschätzt hatten. 

Darauf folgte ein Ausstellungsraum, in dem sich damit beschäftigt wurde, wie sich ein Raum körperlich erfahren lassen kann. Darin waren ausschließlich Werke des Künstlers Bruce Nauman ausgestellt, darunter auch das namengebende Stück der gesamten Ausstellung: „bouncing in the corner“ von 1968, wo der Künstler selbst sich dabei filmte, wie er sich mit seinem Körper fast gewaltsam in eine Ecke seines Ateliers fallen ließ. Dabei spielten die visuellen und auditiven Eindrücke sehr stark zusammen. Ebenfalls von Bruce Nauman wurden Meditationsübungen gezeigt, mit dem Namen „mental exercise“ aus dem Jahr 1969. Diese sollten den Ausführenden auf dem Boden liegend eine Krümmung des Raumes erfahren lassen, was erstaunlicher Weise nach einigen Erfahrungsberichten zu tatsächlichen körperlichen Reaktionen führte.

Dann haben wir gesehen, wie die Künstlerin Anette Streyl das Konzept des Raumes gezielt aufgelöst hat, indem sie in drei Werken – „BMW München, 2000“, „Palast der Republik, 1999“ und „Reichstag Berlin, 2000“ – charakteristisch monumentale Gebäude als labberige Hüllen nähen und auf Leinen aufhängen ließ. Daraus ergab sich eine beinahe unerschöpfliche Quelle für Interpretationen – von der Erfahrung, etwas Festes, großes als etwas weiches, kleines darzustellen bis zu der Rolle der Frau in einer von Männern regierten Gesellschaft. 

Im nächsten Raum hing – zur Abwechslung mal – ein riesiges Bild an der Wand. Dabei handelte es sich um „Flucht Schwarz – Rot – Gold“ von Sigmar Polke, 1997, welches die deutsche Teilung thematisierte und dabei viele Aspekte dieses Themas allein durch die gestalterische Umsetzung aufgriff. Farbe wurde fleckhaft auf einen transparenten Malgrund aufgetragen und ließ die abgebildeten Flächen instabil und wie ein Netz oder Gitter wirken, gab dem Bild aber auch viel Bewegung. Zusätzlich kommt vom linken Bildrand eine kollagenartig eingefügte Masse von Händen, die sich nach der fliehenden Person ausstrecken. So hat der Künstler diesen beunruhigenden Moment der Flucht sehr treffend eingefangen.

Darauf folgte eine Reihe von Werken von Thomas Schütte, der sich mit Architektur auseinandersetzte. An den Wänden hingen etwa zehn sehr simplifizierte Darstellungen von Gebäuden, manche erinnerten sogar an Gegenstände, wie Flaschen oder eine Leiter. Damit ergab sich eine Visualisierung von Architektur zur bloßen optischen Wirksamkeit ohne jegliche Zweckmäßigkeit. Wir durften daraufhin unsere eigenen Gebäude entwerfen, mit der Vorgabe, dass es als ein neues Wahrzeichen für eine Großstadt dienen sollte. Hier war interessant zu sehen, wie unterschiedlich all unsere Ansätze waren, worauf wert gelegt wurde und natürlich, nicht zu Letzt, wie sich unsere persönlichen Vorlieben in den Gebäuden widerspiegelten. Während einige sehr abstrakt und futuristisch gestalteten, zeichneten andere eher klassische Gebäude oder übertrugen, wie der Künstler zuvor, die Form realer Gegenstände auf riesige Hochhäuser. Begleitet wurden wir dabei von Rebecca Horns „Chor der Heuschrecken“,1991, eine Installation mit 33 von der Decke hängenden, wundervoll alten Schreibmaschinen, die alle paar Minuten durch einen Mechanismus zum Klicken, Klirren und Klingeln gebracht wurden.

Im nächsten Raum erwartete uns das Kunstwerk „Les Suisses Morts“ von 1990, welches aus zwei langen Reihen aufgestapelter Keksdosen bestand, auf denen, wie sich dann herausstellte, die Gesichter inzwischen verstorbener Menschen abgebildet waren. Eine sehr andere Interpretation des Raumbegriffes des Künstlers Christian Boltanski, die uns alle innehalten und über all diese Menschen nachdenken ließ, deren Schicksale in diesen Dosen verborgen bleiben würden. Gegenüber den anderen eher kritischen, politischen Auseinandersetzungen mit „Raum“ war dieses Ausstellungsstück persönlicher.

Der krönende Abschluss war eine Arbeit von Nevin Aladag mit dem Namen „Hochparterre Altona“ aus dem Jahr 2010. Gezeigt wurde eine Videoaufnahme, in der behandelt wurde, wie unterschiedlich ein öffentlicher Raum von verschiedenen Individuen aufgefasst wird. Anlass hierzu waren Interviews mit Anwohnern aus der Großen Bergstraße in Altona, die zum Wandel ihrer Wohngegend befragt wurden. Man hörte die Stimmen der Interviewten und eine Schauspielerin wurde dabei gefilmt, wie sie ihre Lippen dazu synchron bewegte und durch ihre Mimik und Haltung die Persönlichkeit der jeweiligen Person darstellte. Es war sehr interessant zu beobachten und zu hören, wie unterschiedlich ein und dieselbe Umgebung von unterschiedlichen Charakteren aufgefasst werden kann. Die Schauspielerin überspitzte ihre Rollen sehr treffend und verkörperte so wunderbar den fast absurden Kontrast zwischen den Befragten.

Ich persönlich bin jemand, der sich gerne von moderner Kunst abschrecken lässt und sich deshalb eher in der Dauerausstellung aufhält. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass es sich lohnt, sich all diese wilden Kunstwerke mal von jemandem erklären zu lassen oder sich zumindest mit jemandem zu unterhalten. Ich wurde dadurch auf viele unerwartete Aspekte von Kunstwerken aufmerksam gemacht, an denen ich sonst vielleicht einfach vorbeigelaufen wäre. Durch die Unterhaltung mit meinen Kommilitonen und dem neu erlangten Wissen eröffneten sich neue Denkansätze. Ich war sehr überrascht, wie viel so ein einfacher Begriff wie „Raum“ zu bieten hat und auf wie vielen Ebenen man sich damit auseinandersetzen kann. Man muss sich auf das Thema einlassen und selbst die schrägsten und abgefahrensten Interpretationen in Betracht ziehen. Ob nun ein greifbares Objekt, eine persönliche Begrenzung, ein Gefühl oder die Leere, die von Verstorbenen hinterlassen wird.

All dies kann unter dem Begriff „Raum“ zusammengefasst werden. 

Ein zunächst einfacher Begriff wird auf einmal komplex und philosophisch.


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Autor: Alex und Rico

Alex und Rico

Moin, wir sinds, die PR-Jungs der Kunstschule Wandsbek Hamburg. Wir studieren beide zur Zeit an der KW im zweiten beziehungsweise dritten Semester und dürfen euch nebenbei noch ein bisschen auf dem laufenden halten, in Bild und Sprache, was gerade so bei uns an der KW passiert. Alex ist schon seit längerem Hobbyfotograf und seit geraumer Zeit nun auch so fast richtig Profimäßig unterwegs. Und Rico, nun ja, Rico schreibt halt ein bisschen was zu den Aufnahmen. Auch schon so fast halbwegs Profimäßig..

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